Indigene Stämme und Völker Nordamerikas

Der Fall Leonard Peltier - ein Justizskandal!

Das Banner zeigt von links nach rechts Leonard Peltier, die bei der Schießerei in Pine Ridge 1975 ums Leben gekommenen AIM-Aktivist Joe Stuntz, FBI-Agent Jack R. Coler und FBI-Agent Ronald Wiliams, die Verhaftung von Leonard Peltier, das Gewehr, mit dem die FBI-Leute angeblich erschossen wurden und noch einmal Leonard Peltier.

Leonard Peltier Lakota/Anishinabe - AIM-Aktivist und Bürgerrechtler - Seit über 30 Jahren unschuldig in amerikanischen Gefängnissen.

Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für eine Begnadigung Peltiers durch den neuen Praesidenten. In den USA ist es eigentlich ueblich, dass bei der Amtsuebernahme durch einen neuen Praesidenten Gefangene begnadigt werden. Nachdem Bill Clinton dies seinerseits - trotz grosser Hoffnungen von indianischer Seite - versaeumt hat und George W. Bush sicher nicht der Praesident war, der einen indigenen gegen den Willen des FBI und konservativer Kraefte amnestiert, ruhen die Hoffnungen nun auf Barack Obama. Ihm stuende es wahrlich gut zu Gesicht, Gnade gegen einen Ureinwohner walten zu lassen, der noch dazu nur auf Grund fadenscheiniger Indizien seit Jahrzehnten im Gefängnis sitzt und gesundheitlich sehr angeschlagen ist. Hier kann der neue Praesident zeigen, ob wirklich ein neuer Wind durch Washington weht.

Dieses Foto zeigt Leonard Peltier im Gefaengnis - es wird endgueltig Zeit, ihm die Freiheit wieder zu geben!

Leonard Peltier und wie es dazu kam

Leonard Peltier ist ein Mitglied des AIM (American Indian Movement), einer von den Anisinabe-Brüdern Vernon und Clyde Bellecourt und von Dennis Banks 1968 in Minne-anapolis gegründeten indigenen Organisation, die sich schnell in weiteren Städten der USA etablierte. Zu ihren Führern gehört auch der Anwalt und Schauspieler Russel Means.

Dennis Banks, einer der Gründer des AIM

Die anfängliche Zielsetzung dieser Gruppierung war es, den in den Städten wohnenden Indigenen bei der Bekämpfung von sozialen Problemen wie Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Wohnungsnot, Hunger, mangelnde medizinische Versorgung usw. beizustehen und durch die Gründung von Selbsthilfegruppen dafür zu sorgen, dass diese Probleme in den Griff bekommen werden konnten. Auch Straßenpatrouillen zum Schutz gegen willkürliche und rassistische Übergriffe der Polizei wurden organisiert.

Das Logo des AIM

Anfang der 70er Jahre begann die Organisation auch in den Reservaten Fuss zu fassen, wobei das AIM maßgeblichen Anteil am neuen Selbstverständnis der Indigenen zugesprochen werden muss. Das AIM gründete unter anderem ein Rechtshilfezentrum und sorgte mit den von ihm gegründeten "Überlebensschulen" dafür, dass den indianischen Kindern wieder die kulturellen Werte ihrer Stämme und auch die Stammessprache beigebracht wurden.

In dieser Zeit kam der Musiker und Schauspieler John Trudell, ein Santee-Indianer, zum AIM, der an der 19 monatigen Besetzung von Alcatraz durch Indianer aller Stämme teilgenommen hatte.

Zu Trudell ist noch zu sagen, dass 1979, kurz nachdem er in Washington vor dem FBI-Hauptquartier eine Rede über den Krieg des FBI gegen die Indianer gehalten und eine amerikanische Flagge verbrannt hatte, das Haus seines Schwiegervaters in der Shoshone-Paiute-Reservation an der Grenze von Idaho und Nevada abbrannte. Dabei kamen seine Frau, seine drei Kinder und die Schwiegermutter ums Leben. Er selbst geht davon aus, dass es sich um Brandstiftung durch das FBI handelt.

1970 war auch das Jahr, in dem sich Leonard Peltier dem AIM anschloss.

Indigene Amerikaner bei der Besetzung Alcatrazs 1969/1970

Im März 1970 war er mit anderen Aktivisten an der Besetzung des leerstehenden Forts Lawton bei Seattle beteiligt, die mit der Inhaftierung der Beteiligten endete. Das Fort wurde später jedoch an die Aktivisten übergeben, die dort ein kulturelles Zentrum einrichteten. 1972 nahm er am "Marsch der gebrochenen Verträge" nach Washington teil, wobei nach Streitigkeiten mit Beamten der Regierung das Bureau of Indian Affairs von den Protestierern für einige Tage besetzt gehalten wurde, wobei Peltier als Sicherheitschef der Besetzer agierte.

Am 27. Februar 1973 besetzten Mitglieder des AIM zusammen mit Sympathisanten aus Pine Ridge die Ortschaft Wounded Knee und riefen die unbahängige Oglala-Nation aus (Leonard Peltier konnte zu seinem eigenen Bedauern an der Besetzung nicht teilnehmen). Damit protestierten die Indigenen gegen die Menschenrechtsverletzungen in der Reservation von Seiten der US-Verwaltung und der korrupten Stammesführung unter Richard Wilson. Die 71 Tage dauernde Besetzung endete am 8. Mai 1973 mit der Kapitulation der aufständischen, nachdem sie von einem Großaufgebot von FBI-Agenten, BIA-Polizisten, Marshalls und US-Armee unter Beschuss genommen worden waren. Bei den Feuergefechten starben die Indianer Frank Clearwater und Buddy Lamont. An der Besetzung von Wounded Knee war auch die AIM-Aktivistin Anna Mae Aquash beteiligt, über deren tragisches und kurzes Le-ben es untern noch ein "Special" gibt. 

Wounded Knee hat vor allem für die Oglala-Sioux in Pine Ridge große historische Bedeutung, sind dort doch bei einem Massaker der 7. US-Kavallerie 1890 an die 300 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder des Stammes ermordet worden (siehe unter Indianer Nordamerikas und unter Die Plains).

Wounded Knee bei der Besetzung 1973 

Nach dem Ende der Besetzung wurden etwa 130 der AIM-Aktivisten und deren Unterstützer angeklagt, wobei alle Anklagen mit Freispruch endeten oder fallengelassen wurden. 1974 wies der zuständige Richter Fred J. Nichols auch die Anklage gegen die beiden Haupt-beschuldigten Dennis Banks und Russel Means, denen langjährige Haftstrafen gedroht hätten, in allen Punkten ab.

Russel Means, mit Dennis Banks Hauptangeklagter im Wounded Knee Prozess

In der Folge eskalierte die Gewalt in Pine Ridge. Stammesälteste traditioneller Prägung baten das AIM um Hilfe und Schutz vor den Repressalien der Leute um Richard Wilson. In dieser Zeit passierten auch viele Morde an AIM-Aktivisten und deren Sympathisanten. Das AIM gründete in Pine Ridge auf dem Geländer der Jumping Bull Farm ein Camp, von dem aus Massnahmen gegen die unsäglichen Zustände getroffen wurden. Das FBI war zu dieser Zeit massiv in Pine Ridge vertreten.

Am 26. Juli 1975 kam es im AIM-Camp zu einem wilden Feuergefecht zwischen FBI-Agenten und Aktivisten, wobei beide FBI-Leute - Jack R. Coler und Ronald Wiliams - sowie der AIM-Aktivist Joe Stuntz ums Leben kamen. Die vier AIM-Leute Jimmy Eagle, Bob Robideau, Dino Butler und Leonard Peltier wurden des Mordes an den FBI-Agenten angeklagt. Die vier tauchten unter.

Trostlos kennt eine Steigerung - Pine Ridge

Im Juli 1975 stellt sich Jimmy Eagle, im September werden Bob Robideau und Dino Butler festgenommen. Leonard Peltier taucht in Kanada unter, wo er im Februar 1976 verhaftet und auf grund falscher Angaben der US-Behörden an die USA ausgeliefert wird.

1976 findet der Prozess gegen Robideau und Butler statt, die beide freigesprochen werden. Die anklage gegen Jimmy Eagle wird fallengelassen. Leonard Peltier wird im März/April 1977 in Fargo in Nord-Dakota der Prozess gemacht. Er wird für schuldig befunden und zu zwei mal lebenslanger Haft verurteilt, obwohl sich die Beweislage kaum von der des Prozesses gegen die drei anderen Verdächtigen unterscheidet.

AIM-Aktivisten beim Protest in Pierre - Süd-Dakota

Leonard Peltier befindet sich bis heute in Haft, das heisst, seit über 30 Jahren. Er ist gesundheitlich sehr angeschlagen, auch auf Grund einer unsachgemässen Kieferoperation im Gefängnis, nach der er 14 Tage im Koma lag und die ihm heute noch starke Beschwerden verursacht. Peltier gilt vielen als politischer Gefangener der USA. Verschiedene, auch inter-nationale Kampagnen von teilweise auch prominenten Fürsprechern für seine Freilassung blieben bislang ohne Erfolg.

Peltier 1973 mit Aktivisten des AIM in Sueddakota

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Der Steckbrief, mit dem Leonard Peltier gesucht wurde

Alle Versuche, den Fall neu zu verhandeln wurden, obwohl Verfahrensfehler eingeräumt, Zeugenaussagen erpresst und Beweise gefälscht wurden, von den zuständigen Behörden unterbunden.

Heute kann Leonard Peltier nur noch auf eine Begnadigung durch den Präsidenten hoffen, was angesichts der momentanen Lage wohl erst nach Neuwahlen Aussicht auf Erfolg hätte, aber auch dann zweifelhaft ist. Der Demokrat Bill Clinton, der den Fall Peltier kannte und der am Ende seiner Amtszeit über 100 Gefangene amnestierte, darunter eine frühere Geschäfts-partnerin und seinen wegen Drogendelikten verurteilten Bruder Roger, liess sich nicht dazu herab, dieses unwürdige Dilemma zu beenden und Peltier zu begnadigen.

Darum: Freiheit für Leonard Peltier - JETZT!!!

Das Gelände, auf dem sich das Drama in Pine Ridge 1975 abspielte

Hier noch einige Zitate zu diesem Fall:

Lynn Crooks, Staatsanwalt und Vertreter der Anklage beim Prozess sagte 1985 bei einer gerichtlichen Anhörung: "Wir wissen nicht, wer diese Agenten getötet hat."

Das Gericht, welches für Berufungsverhandlungen zuständig ist, gab 1986 zu Protokoll, dass im Prozess eindeutige Verfahrensmängel bestanden haben. Die Prozessführung des vorsitzenden Richters wurde gerügt und es wurde vermerkt, dass Zeugenaussagen erzwungen und Meineide geschworen wurden. Eine Neuverhandlung wurde trotzdem abgelehnt.

1989 gab die US-Regierung offiziell zu, dass die Zeugenaussagen, aufgrund derer Peltier von Kanada ausgeliefert wurde, falsch waren.

Ramsey Clark, ehemaliger Justizminister der USA, reichte 1993 einen Antrag auf Begnadigung durch den Präsidenten ein, der normalerweise in wenigen Monaten abgehandelt wird. Eine Entscheidung steht bis heute aus.

Links zum Fall Leonard Peltier:

http://home.arcor.de/franklanger/lp.htm

http://www.noparolepeltier.com/

http://www.dickshovel.com/

http://www.iacenter.org/

Noch zwei Literaturtipps zur Thematik:

Martin Ludwig Hofmann - "Indian War" - Der Fall des indianischen Bürgerrechtlers Leonard Peltier - sehr informativ und interessant zu lesen!

Mary Crow Dog und Richard Erdoes - "Lakota Woman" - Die Geschichte einer Sioux-Frau - viel informatives rund um die Geschehnisse in Wounded Knee 1973 und auch sehr interessant zu lesen!

Indianische Aktivisten bei der Bestzung von Wounded Knee 1973

Mary Crow Dog

Anna Mae Aquash

Anna Mae Pictou, eine Stammesangehörige der Mi'kmaq (auch Micmac), wurde 1945 auf deren Reservation in Nova Scotia an der Ostküste Kanadas geboren. In ihrer Jugend musste sie ihre Ausbildung abbrechen, als ihre Mutter sie und die anderen Geschwister verließ. Schließlich ging sie, wie viele ihrer Stammesgenoss(inn)en, mit ihrem Freund nach Boston, um dort Arbeit zu finden. Sie fand einen schlechtbezahlten Job, bekam mit 19 ihr erstes Kind, mit 20 das zweite und lebte dann von Sozialhilfe.

Mit 28 war sie eine der Hauptaktivistinnen der Indianerbewegung und Mitglied des AIM. Sie setzte sich bedingungslos für das indianische Volk ein und blieb dabei immer der Basis, den einfachen Leuten in den Städten und Reservationen, verhaftet. Ihr Freund, der mit Ihrer Stärke nicht mithalten konnte, verließ sie wegen einer weißen Frau.

1972 nahm Anna Mae Aquash am Marsch der gebrochenen Verträge nach Washington teil und im Früjahr 1973 war sie dabei, als das AIM und traditionelle Sympathisanten in der Pine Ridge Reservation der Oglala-Sioux in Süd Dakota den legendären Ort Wounded Knee besetzten. Dort heiratete sie während der Besetzung den Aktivisten Nogeeshik Aquash (der sie einige Zeit später wieder verließ).

In Memoriam Anna Mae Aquash - Traditionelle Heirat von Anna Mae Pictou und Nogeeshik Aquash 1973 bei der Besetzung von Wounded Knee - Anna Mae als Kiegerin in Wounded Knee - Ann Mae kurz vor ihrem Tod.

Im Jahr nach der Besetzung wurde Anna Mae Aquash im AIM immer aktiver. Sie erwarb sich den Respekt und die Zuneigung von vielen, mit denen sie arbeitete. 1975 zog sie endgültig in die Pine Ridge Reservation, wo sie sich besonders um die Frauen kümmerte.

Für AIM-Mitglieder war Pine Ridge 1975 aber auch ein gefährliches Pflaster. Allein in den ersten Monaten 1975 waren an die 30 von ihnen gewaltsam ums Leben gekommen. Am 26. Juni erreichte die Eskalation mit der Schießerei auf dem Jumping Bull Gelände ihren unrühmlichen Höhepunkt (die Geschehnissen werden weiter oben geschildert).

Im Anschluß an diese Geschehnisse geriet auch Anna Mae Aquash ins Visier des FBI, sie wurde (wie viele andere auch) verhaftet und bedroht. Das FBI beschuldigte sie, die Todesschützen zu kennen und setzte sie gnadenlos unter Druck. In der Folge erwähnte sie gegenüber Freunden mehrmals, Angst um ihr Leben und das ihrer Familie zu haben. Sie wurde mehr und mehr zur Gejagten, arbeitete aber weiterhin aufopferungsvoll für das AIM.

Am 24. Februar 1976 wurde in einem trockenem Flußbett in Pine Ridge ihre Leiche gefunden. Das FBI behauptete zunächst, die Identität der Toten nicht zu kennen, gab als Todesursache erfrieren an und ließ sie schnellstens begraben. Zur Identifizierung wurden der Toten beide Hände abgetrennt und nach Washington geschickt. Ein unglaublicher, entwürdigender Vorgang, da Anna Mae Aquash durch ihre Verhaftung und die vielen Verhöre durch die zuständigen FBI-Agenten mit Sicherheit bekannt war.

Im Anschluss an ihre Identifizierung setzten Verwandte und Freunde die Exhuminierung der Leiche durch und dabei stellte ein unabhängiger Leichenbeschauer fest, dass Anna Mae Aquash aus allernächster Nähe durch einen Kopfschuß getötet worden war (es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die routinierten FBI-Leichenbeschauer das übersehen haben können, man könnte eher von einer Vertuschung der Tatsachen, warum auch immer, sprechen).

Der Mord wurde lange Jahre nicht aufgeklärt, erst 2004 wurden zwei ehemalige Aktivisten des AIM verhaftet und des Mordes an Anna Mae Aquash angeklagt und verurteilt. Wer die Vorgeschichte kennt, muss allerdings berechtigte Zweifel an der Schuld der Angeklagten haben, denn wie schon im Fall Leonard Peltier gibt es keinerlei Beweise und es ist zu befürchten, dass es sich um eine weitere FBI-Farce auf Kosten der indigenen Amerikaner handelt. In nicht nur indianischen Kreisen gibt es den berechtigten Verdacht, dass das FBI am Tot von Anna Mae Aquash zumindest indirekt beteiligt war.

Anna Mae Aquash - ermordet 1976

Anna Mae Aquash bleibt unvergessen durch ihren engagierten und mutigen Kampf für bessere Lebensumstände und die Rechte der indigenen Amerikaner. Sie war eine mutige Kriegerin in der Tradition der Stämme. 

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Das Banner unten zeigt von links nach rechts US Marhalls bei der Belagerung von Wounded Knee 1973, die Besetzer und AIM-Aktivisten Russel Means, John Trudell, Anna Mae Aquash, Dennis Banks und Clyde Bellecourt sowie einen der leichten Panzerwagen der US-Army, von denen ebenfalls einige bei der Belagerung von Wounded Knee eingesetzt wurden.